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Annemarie Loring

Annemarie Loring (1923 - 2014), Mitbegründerin der "Freien Musik Schule. Kunst - Pädagogik - Therapie", setzte neue Maßstäbe in der Ausarbeitung einer profunden Spieltechnik für das noch junge Instrument Leier. Ihre Arbeitsweise hatte einen starken Einfluss auf eine jüngere Generation von Leierspielern und -lehrern.

Annemarie Loring    *8.3.1923 Hochstätten/Pfalz - †4.4.2014 Dortmund

„Meinen Geburtstag kannst du nie vergessen“, so pflegte Annemarie Loring jedes Jahr dem überraschten Gratulanten zu sagen, “da hat nämlich Rudolf Steiner die Vorträge zum Tonerlebnis gehalten!“ 

Während Rudolf Steiner seine beiden Vorträge über das Tonerlebnis im Menschen hielt (am 7. und 8. März 1923 in Stuttgart), erblickte die kleine Annemarie das Licht der Welt. Noch war nicht voraus zu sehen, dass sie einmal Musik und Anthroposophie zu ihrem Lebensinhalt machen und die Leier zu ihrem Hauptinstrument erwählen würde. Prägend für ihre Kindheit waren vor allem der liebevolle „Vatter“ –  wie sie in ihrer Pfälzer Mundart ihn immer nannte – und die gestrenge Tante Marie. Durch den Beruf des Vaters bedingt – er war Eisenbahner – zog die Familie später aus dem vertrauten Hochstätten nach Ludwigshafen um.

Schon bald wurde Annemaries musikalische Begabung deutlich, das kleine Mädchen  mit den langen roten Zöpfen lernte Klavier spielen und später auch Geige. Dass sie in ihrem Musikstudium in Mannheim an der Hochschule bei bedeutenden Anthroposophen Unterricht hatte, so bei Karl von Baltz und Wilhelm Petersen, wurde ihr erst viel später deutlich. Sie lebte ganz in der Musik und gehörte in der Klavierklasse bald zu den Meisterschülerinnen.

Die Kriegsereignisse machten sich durch die immer stärker werdende wirtschaftliche Not bemerkbar. Die Familie zog wieder in die Pfalz in das bei Kaiserslautern gelegene Dorf Katzweiler. Annemarie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Klavier- und Geigenstunden. Sie zog über Land und unterrichtete die Kinder der noch einigermaßen wohlhabenden Bauernfamilien und konnte sich und auch ihre Familie mit Naturalien über Wasser halten. Auch in den ersten Nachkriegsjahren unterrichtete sie Klavierschüler und verdiente sich ein Zubrot durch das Musizieren bei Tanzveranstaltungen.

Als 1950 ihr Sohn Friedrich geboren wurde und sie suchte, wie sie ihr Leben weiter gestalten könnte, fand sie den Weg in die anthroposophische Heilpädagogik. Sie stieß zu einer Gruppe von Menschen, die in Lauterbad, bei Freudenstadt im Schwarzwald, ein Heim für seelenpflegebedürftige Kinder gründeten. Hier fand sie eine neue Schicksals- und Lebensgemeinschaft. Die Gemeinschaft aus dem Schwarzwald zog im Sommer 1959 nach Kassel um, wo sich das Kinderheim „Lauterbad“ stark erweitern konnte. Annemarie Loring teilte sich in der Schule den Musikunterricht mit Frau Kipp, ihrer neuen Kollegin. Im Heim gestaltete sie die Jahresfeste. Selbstverständlich gehörte auch die Tanzmusik bei den Faschingsfeiern dazu! Mit großer Liebe gab sie auch Religionsunterricht und führte die Sonntagshandlungen durch.

Als 1961 auf Initiative von Julius Knierim und Edmund Pracht der legendäre „Kreis der Lehrenden Leierspieler“ gegründet wurde, gehörte sie zu den wenigen, sozusagen handverlesenen Mitgliedern. In diesem Arbeitskreis, der sich jährlich um den 1. Mai herum meist in Hepsisau traf, wurde der Umgang mit dem seit 1926 gebauten Instrument energisch vorangetrieben: in künstlerischer, pädagogischer und in therapeutischer Hinsicht. Aus dem Kreis der Lehrenden Leierspieler heraus schlossen sich dann 1970 einige Musiker zur Gründung der Freien Musik Schule zusammen. Auch hier gehörte Annemarie Loring zum Kreis der Gründungsmitglieder. Konzipiert wurde ein in seiner Art wohl einzigartiges Wanderstudium, in dessen Zentrum das Leierspiel stehen sollte. Schon bald „wanderten“ die ersten Musikstudenten durch halb Europa zu ihren Lehrmeistern und erwarben sich auf unkonventionelle Weise das Rüstzeug für ihr späteres Arbeiten im künstlerischen, pädagogischen oder therapeutischen Bereich.

Bei Annemarie Loring lernten sie das Leierspiel auf einzigartige und eindrucksvolle Weise kennen. Sie war eine wahre Meisterin und die Leierstunden bei ihr wurden für viele Studenten prägend. Hier war die „technische Handhabung“ des Instrumentes zur höchsten Vollendung gebracht! Und Annemarie Loring hatte ein gewichtiges Arsenal wirkungsvoller Übungen entwickelt, um ihren Schülern auch die subtilen Seiten der besonderen Tonbildung auf diesem Instrument zu erschließen.  So wurde sie – neben dem schon erwähnten Julius Knierim – zur vielleicht wichtigsten Anregerin für eine jüngere Generation von Leierspielern. Da sie selbst jedoch weder komponierte, noch durch Publikationen oder Vorträge hervortrat, blieb sie außerhalb der Reihen der Freien Musik Schule zeitlebens eine Art Geheimtipp.

1977 verließ sie das Kinderheim Lauterbad in Kassel und begann einen neuen Lebensabschnitt im Ruhrgebiet. Zunächst unterrichtete sie am Lehrerseminar in Witten-Annen und am neu sich gründenden Therapeutikum am Pädagogisch Sozialen Zentrum Dortmund (PSZD). Dortmund wurde ihr zur neuen Heimat. Ein neuer Kreis von Leierspielern scharte sich um sie. Eine besondere Aufgabe kam auf sie zu, als Olga und Alois Künstler in das PSZD zogen. Mit Alois Künstler gestaltete sie bis Ende der 80er Jahre regelmäßige Leier-Vorspiel-Stunden, die sich einer ständig wachsenden Zahl von Zuhörern erfreuten. 1987 starb Olga Künstler, 1991 Alois Künstler. 1993 reiste sie zu einem längeren Aufenthalt nach Israel und legte mit ihren Leierkursen dort das Fundament für eine – bis heute klein gebliebene – israelische Leierszene. 1997 zog sie selber ins PSZD. Ganz allmählich ließ sie die regelmäßigen Leier-Vorspiele auslaufen. Aber die Zahl der Leierschüler nahm nicht ab. Bis zu ihrem 80. Lebensjahr unterrichtete sie fast täglich einen, manchmal zwei Leierschüler! Dann wurden die Schüler weniger, aber noch bis zu ihrem 88. Lebensjahr spielte sie zu den Totenfeiern im PSZD. Am liebsten ihr „Karfreitagsstück“, die Sarabande aus der 5. Cello-Suite von J. S. Bach.

Es wurde stiller um Annemarie Loring. Der neunzigste Geburtstag wurde noch im kleinen Kreis gefeiert. Schüler wollte sie keine mehr. Im November 2013 kam sie auf die Pflegestation, wo sie bis zu ihrem Tod geduldig lag. Der einundneunzigste Geburtstag war noch einmal ein musikalisches Fest im kleinen Kreis einiger ihrer ehemaligen Schüler. Singen und Leierspiel erklangen, darunter ihre Lieblingslieder „Lass mich ein Streiter Gottes sein“ und „Die Sonne sinket“ von Alois Künstler.

In der Nacht zum 4.April 2014 verließ sie die Erde. Die Arbeit mit der Leier zog sich wie eine klingende Spur durch ihr Leben. Mit ihrem in der Stille und fast wie im Verborgenen blühenden Wirken als Leierlehrerin gehört sie zu den ganz großen Impulsatoren für die Weiterentwicklung des Leierspiels. 

Reinhild Brass