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Edmund Pracht

Edmund Pracht (1898 - 1974) konzipierte1926 eine moderne Leier, deren asymetrische Form nicht an historische Vorbilder angelehnt war. Die von Lothar Gärtner gebauten Instrumente fanden ihre Verbreitung zunächst vor allem innerhalb der anthroposophischen Heilpädagogik. Durch seine weit gespannte Kurs- und Vortragstätigkeit, durch seine Kompositionen und Schriften gab Pracht wesentliche Impulse für das Leierspiel. 1961 gründete er, zusammen mit Julius Knierim und anderen Musikern, den internationalen „Kreis der Lehrenden Leierspieler“. Von hier aus verbreitete sich die Leierarbeit weltweit und über die heilpädagogischen Grenzen hinaus.

Pracht, Edmund, *21.10.1898 Berlin (D), †22.3.1974 Arlesheim (CH).

Prachts Vater war Wolgadeutscher, der in Berlin einen Kaviarimport betrieb, die Mutter stammte aus Posen. Als Kind lernte Pracht Klavier und Trompete. Im Kriegsjahr 1916 legte er am Steglitzer Gymnasium die Not-Reifeprüfung ab und immatrikulierte sich an der Berliner Universität im juristischen Fach. Im März 1917 erfolgte die Einberufung zum Kriegsdienst als Fliegerbeobachter. 1919 setzte Pracht seine Studien fort, zunächst an der Handels-Hochschule in Berlin, dann, nach einem praktischen Arbeitsjahr in Bremen, wieder an der Berliner Universität, wo er wirtschafts- und sozialwissenschaftliche sowie philosophische Vorlesungen besuchte. Im Frühjahr 1923 brach er das Studium ab und wurde Mitglied in der von Günther Wachsmuth zusammengerufenen Wächtergruppe an der Brandruine des Ersten Goetheanums.

 

Schon in den Berliner Jahren war Pracht auf die Anthroposophie gestoßen und Steiner mehrmals begegnet, u.a. 1922 beim „Pädagogischen Jugendkurs“. 1921 hatte er sich mit den ihm wichtigen Fragen zur Zukunft der Musik an Steiner gewandt. Nun fand der vielseitig Begabte in der spirituell und künstlerisch anregenden Dornacher Atmosphäre reiche Nahrung. Als versierter Pianist begleitete er viel zur Eurythmie, betätigte sich schauspielerisch, betrieb malerische (bei Henni Geck) und plastische Studien und hörte eine Fülle von Vorträgen Steiners. Besonders der Ton-Eurythmiekurs (1924) wurde ihm für das eigene Suchen in der Musik wegweisend. Das hier angeregte vertiefende Erüben der musikalischen Elemente schuf in ihm den Nährboden, der zwei Jahre später die Schaffung der Leier ermöglichte. Nach seiner eigenen Schilderung trat dieses Instrument, ohne Anlehnung an historische Vorbilder, vor seinen inneren Blick, indem sich ihm die Bestandteile des Klaviers auflösten, bis nur noch Saiten und Resonanzkörper übrigblieben. Um die monatelang gehegte Idee Wirklichkeit werden zu lassen, bedurfte es allerdings einer Geburtshilfe: 1926 wurde Pracht gebeten für den Eurythmieunterricht der Kinder am „Sonnenhof“ (der heilpädagogischen Dépendance von Ita Wegmans Klinik) zu spielen. Von den Möglichkeiten des Klaviers unbefriedigt und bestärkt durch Ita Wegman, gab Pracht  nun den Bau einer Leier nach seinen Vorstellungen bei einem Basler Geigenbauer in Auftrag. Lothar Gärtner, ebenfalls Mitglied der Wächtergruppe, griff Prachts Idee auf, gab ihr eine neue Form und baute in kürzester Zeit das erste Instrument. Pracht und Gärtner gründeten eine Arbeitsgemeinschaft, Gärtner machte den Leierbau zu seiner Lebensaufgabe. Fortan spielte das neue Instrument im Musikleben der heilpädagogischen Institute eine zentrale Rolle.

 

In den von Ita Wegman seit den 1920er Jahren eingerichteten ärztlichen, heilpädagogischen und heileurythmischen Fortbildungskursen bekam Pracht die Aufgabe, mit den Kursteilnehmern künstlerische und musikalisch-menschenkundliche Grundlagen zu erarbeiten. Zentrales Medium war die Leier. Prachts Arbeitsweise und die von ihm geschaffenen Kompositionen wirkten stark stilbildend und gaben  vielen Kursteilnehmern den entscheidenden Anstoß für spätere eigene Ausarbeitungen auf musikalischem Feld. So sind z.B. Karl Königs musiktherapeutische Ansätze oder Gisbert Husemanns Erarbeitung einer plastisch-musikalisch-sprachlichen Menschenkunde nicht ohne die Begegnung mit Pracht zu denken.

 

Als freier Mitarbeiter schuf Pracht eine Fülle von Lied- und Leierkompositionen für die Ita-Wegman-Klinik und den „Sonnenhof“. Auf Anfragen der vielen Freunde in den in- und ausländischen heilpädagogischen Instituten entfaltete er nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die letzten Lebensjahre eine rege Reisetätigkeit. Durch Kurse, Vorträge und Kompositionen impulsierte er das Leben vor Ort, oft unterstützt durch seine Frau, die Eurythmistin und Sängerin Alice Pracht-Loudon.

 

1955 faßte Pracht die künstlerischen Erfahrungen mit dem neuen Instrument in seiner „Einführung in das Leierspiel“ zusammen. Ungeahnten Aufschwung und methodisch-didaktische Differenzierung erfuhr die Arbeit seit 1961 durch den auf  >Julius Knierims Initiative hin  gegründeten internationalen „Kreis der Lehrenden Leierspieler“, mit Pracht als spiritus rector. Von hier aus verbreitete sich die Leierarbeit mehr und mehr über die heilpädagogischen Grenzen hinaus.

 

Bis in das Jahr 1972 wirkte Pracht tatkräftig an der sich international entfaltenden Arbeit mit. Dann schwächte ihn eine Krankheit und er mußte seinen Radius immer weiter einschränken. Die letzten Lebenswochen verbrachte er in der Ita-Wegman-Klinik in Arlesheim.

 

Mit der Schöpfung der Leier und der Entwicklung eines die musikalischen Elemente in ihrer Tiefenschicht ernstnehmenden Übstils war Pracht ein großer und folgenreicher Wurf gelungen. Seine Freunde und Kollegen schätzten in ihm darüber hinaus den klaren Denker mit unbestechlichem Verantwortungsbewußtsein. Die heilpädagogischen Seminaristen erlebten ihn als souveränen, mit Berliner Humor begabten Lehrer, der ihnen nicht nur die Musik, sondern auf originelle Weise auch die Anthroposophie erschloß. Wer seine wenigen erhaltenen plastischen und malerischen Arbeiten sehen konnte, ist beeindruckt von ihrer künstlerischen Kraft.

 

Der Inspirationsstrom, dem auch die Leier zu verdanken ist, trug dem kompositorischen Autodidakten in den ersten Jahren seit 1926 Melodien zu, von denen einige nahezu volksliedhafte Verbreitung gefunden haben, wie z.B. das Adventslied „Über Sterne“, das Michaelslied „O unbesiegter Gottesheld“ oder die „Marjatta“-Vertonung aus der Kalevala. Auch die in späteren Jahren entstandenen Kompositionen wurden in vielen heilpädagogischen Einrichtungen gerne aufgegriffen. Die Vermittlung geschah meist durch persönliche Begegnung, teilweise auch durch Veröffentlichung in dem von >Gotthard Starke gegründeten Verlag Das Seelenpflege-bedürftige Kind.

 

Werke: Einführung in das Leierspiel, Konstanz 1955; Die Entwicklung des Musikerlebens in der Kindheit, in: Heilende Erziehung, Stuttgart 1956; Aus den Anfangszeiten des Leierbaus. Zur Entstehungsgeschichte der Leier, in: Hollander, M./Rebbe, P. (Hrsg.): Die Leier, Dornach 1996;  verschiedene Zeitschriftenbeiträge. Kompositionen (Auswahl): Die Erde hat uns lieb (Kinderlieder), Stuttgart/Den Haag/London 1928; in variierter Zusammenstellung: Lied und Spiel im Leben des Kindes (Goldene Leier, Heft1),Konstanz o.J.; Eseleinlieder (Puppenspielmusik), Malsch 1935; Marjatta, Konstanz o.J.; Die Eisenrune; Die Birkenrune; Der 145. Psalm; Lieder, (alle Bingenheim); weitere Werke im Verlag des Ateliers für Leierbau W. Lothar Gärtner, Konstanz, und im Verlag Das Seelenpflegebedürftige-Kind, Bingenheim; zahlreiche nicht veröffentlichte Kompositionen (Lieder, Chöre, Märchen- und Bühnenmusiken, Studien und Spielmusiken für Leier).

 

Literatur (Auswahl): Hollander, M./Rebbe, P. (Hrsg.): Die Leier, Dornach 1996; Zum 100. Geburtstag von Edmund Pracht. Gedenkheft = Leierrundbrief Nr. 10, Michaeli 1998, Beilharz, G.: Edmund Pracht und die Grundlegung der Musik in der anthroposophischen Heilpädagogik, in: Leierrundbrief Nr.10 und 11, 1998/99.

 

Gerhard Beilharz

 

Mit freundlicher Genehmigung von: Forschungsstelle Kulturimpuls. Biographien-Online. (Abkürzungsverzeichnis siehe dort.)

 

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