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Walter Lothar Gärtner

Lothar Gärtner (1902 - 1974) war mit der Entwicklung der 1926 von dem Musiker Edmund Pracht konzipierten Leier von Anfang an engstens verbunden. Er schuf für das Instrument eine in ihren Grundzügen bis heute gültige Form und machte den Leierbau zu seiner Lebensaufgabe.

Gärtner, Walter Lothar. Leierbaumeister. *22.3.1902 Dresden (D), 17.8.1979 Waldshut (D).

Gärtner wuchs als zweites Kind in einer warmherzigen, naturverbundenen und künstlerisch interessierten Familie auf. Der Vater, von Beruf Regierungs-Oberinspektor, betätigte sich in der Freizeit bildhauerisch und schuf mundartliche Dichtungen. Die Übersiedlung der Familie in die 1909 aus sozial-utopischen Impulsen gegründete Gartenstadt Hellerau war für Gärtners Lebensgang entscheidend. Die von dem bedeutenden Jugendstilarchitekten Riemerschmid entworfene Stadt beherbergte u.a. von 1911 bis 1915 die Arbeit von Emile Jaques-Dalcroze, dem Begründer der rhythmisch-musikalischen Erziehung. Gärtner  übte als Kind zeitweilig in einer der Kursgruppen mit. Im Bühnenbild einer Tanztheater-Aufführung kam ihm erstmalig das Yin-Yang-Motiv zu Bewusstsein, dessen ein- und ausatmend verlaufende rhythmische Kreisteilung ihm später zur Grundidee der von ihm geschaffenen runden Leierform wurde.

Berühmt war Hellerau auch durch die „Deutschen Werkstätten“ mit ihren neuen Gestaltungsimpulsen und Herstellungsmethoden im Möbelbau. Hier bekam Gärtner eine solide Ausbildung als Kunstschreiner und absolvierte darüber hinaus eine kaufmännische Lehre. 1919 lernte er die Anthroposophie kennen. 1922 besuchte er Dornach und erlebte, wenige Wochen vor dessen Zerstörung, das Erste Goetheanum. Hier fand er eine ihn zutiefst beeindruckende Formensprache, an die er in seinem späteren eigenen Schaffen immer wieder anknüpfte. Im Juli 1923 wurde Gärtner Mitglied der Dornacher Wächtergruppe, entschlossen, seine Arbeitskraft künftig ganz in den Dienst der Anthroposophie zu stellen. Neben seinem Wächteramt betrieb er intensive künstlerische Studien (Malen bei Henni Geck, Eurythmie, plastische Studien) und nahm an einer Vielzahl von Kursen und Vorträgen Steiners teil, so u.a., auf Steiners persönliche Einladung, an dem eigentlich nur für Musiker und Eurythmisten zugänglichen Toneurythmiekurs 1924.

Als sein Wächterfreund Edmund Pracht 1926 die Idee einer völlig neu konzipierten Leier realisieren wollte, verband sich Gärtner diesem Impuls. Die von Pracht ursprünglich skizzierte eckige Form wurde von Gärtner radikal verändert. Ein Tonmodell der von Gärtner neu geschaffenen runden Form entstand am 22./23. September 1926. Die erste klingende Leier schnitzte Gärtner in der Nacht vom 5. zum 6. Oktober. Ita Wegman reagierte begeistert und sorgte für die Einführung der neuen, bald in verschiedenen Stimmlagen gebauten Instrumente in die heilpädagogische Arbeit. Pracht und Gärtner gründeten eine Arbeitsgemeinschaft. Angesichts des wachsenden Bedarfs machte Gärtner den Leierbau, trotz der allgemein sehr schlechten Wirtschaftslage, zu seiner Hauptaufgabe. 1930 heiratete er die Eurythmistin und Musikerin Elisabeth Dauner. 1930/31 gab er für einige Zeit Kurse an Valborg Werbecks Gesangsschule in Hamburg. 1931 wurde der älteste Sohn geboren, dem noch drei jüngere Geschwister folgten. Auf Einladung von Bernard Lievegoed siedelte die junge Familie 1933 in das „Zonnehuis“ Zeist bei Den Haag über, wo Gärtner Leiern baute und als Werklehrer arbeitete. 1936 zogen sie nach Konstanz, wo Gärtner unter bescheidensten Bedingungen im Haus der Schwiegermutter eine Werkstatt einrichten konnte. 1938 legte er die Meisterprüfung ab und erreichte so die Etablierung des Leierbaus als eigenständiges Handwerk.

1941 wurde Gärtner einberufen und als Sanitäter in Polen und Rußland eingesetzt, von wo er 1945 schwerkrank zurückkehrte. Wieder genesen, griff er den Leierbau erneut auf und konnte bald größere Werkstattraüme mieten. Im Zuge der weit über heilpädagogische Zusammenhänge hinaus international wachsenden Nachfrage nach den Instrumenten, die längst in verschiedenen Typen und Stimmlagen gebaut wurden, konnte Gärtner nach und nach den Betrieb durch von ihm ausgebildete Mitarbeiter erweitern. Durch die vielfältigen pädagogischen und künstlerischen Aktivitäten von Elisabeth Gärtner (Märchenstunden, Puppenspiel, Musikunterricht, Eurythmie) strahlte der Leierbau zeitweilig auch stark in das regionale Kulturleben aus.

In den 1970er Jahren war Gärtner den zunehmenden Belastungen gesundheitlich nicht mehr gewachsen und übergab die Unternehmensverantwortung in jüngere Hände. Er verstarb 1979, nach dem dritten Schlaganfall, im Krankenhaus Waldshut.

Werke: Zur Gestaltung der Leier, in: Natura, 2. Jg. 1927/28, S. 21-25; Erinnerungen an den Beginn des Leierbaus, in: N 1975, Nr.45, S. 178ff.; Fünfzig Jahre Leierbau, in: MaD 1976, Nr. 115, S. 67-71; Auch zwei Julilare des Jahres 1978, in: RRM 1979, Nr.9, S. 8-11

Literatur: Pracht, E.: Einführung in das Leierspiel, Konstanz 1955; Beilharz, G.: Entstehung und Entwicklung der neuen Leier, in: Beilharz, G. (Hrsg.): Erziehen und Heilen durch Musik, Stuttgart 1989;  Hollander, M./Rebbe, P. (Hrsg.): Die Leier, Dornach 1996; Gedenkheft zum 100. Geburtstag von W. Lothar Gärtner = Leierrundbrief, Nr. 17, 2002.

Gerhard Beilharz

Mit freundlicher Genehmigung von: Forschungsstelle Kulturimpuls. Biographien-Online. (Abkürzungsverzeichnis siehe dort.)

www.kulturimpuls.org