Entwicklung

Leier?  - Seit 1926 gibt es ein neues Instrument dieses Namens. Dem Typus nach ist es den antiken Instrumenten zwar verwandt, hat jedoch nichts mit historischer Nachbildung zu tun. Geboren ist die moderne Leier aus dem Anliegen, sich als Hörender oder Musizierender in ein vertieftes Verhältnis zur Musik und ihren Elementen selbst zu versetzen. Insofern ist sie ein Kind der künstlerischen Aufbruchstimmung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, jener Zeit, in der die Protagonisten der Neuen Musik (Schönberg, Webern, Bartók, Hindemith und viele andere) dem Publikum bislang Un-Erhörtes als Hör-Aufgabe zumuteten, Komponisten wie Carl Orff oder Zoltán Kodály radikal neue musikpädagogische Wege suchten.

Auch der Musiker Edmund Pracht (1898-1974) verfolgte mit der Konzeption seiner Leier etwas fundamental Neues: Einen Klang, der auffordert in die Tiefenschicht der Töne und Tonbeziehungen hinein zu lauschen. Den letzten Anstoß zur Verwirklichung gab die Begegnung mit behinderten Kindern und deren Hörweisen. So fand die moderne Leier unmittelbar Eingang in die heilpädagogische Arbeit. Das zunächst durch Lothar Gärtner weiter entwickelte Instrument wird heute weltweit in verschiedenen Werkstätten gebaut und vorwiegend als pädagogisches oder therapeutisches Medium verwendet. Die rein künstlerische Seite des Leierspiels – wenngleich als Quelle der pädagogisch-therapeutischen Bemühungen immer gepflegt – ist lange  Zeit eher Begleiterscheinung geblieben. Erst mit der Wende zum 21. Jahrhundert mehren sich spürbar die künstlerischen Aktivitäten. Doch zählen Leierkonzerte immer noch zu den Raritäten im Kulturleben.