Heilpädagogik und Musiktherapie

Bei den  Pionieren der 1924 begründeten anthroposophischen Heilpädagogik findet das neue Instrument begeisterte Aufnahme, werden in der Folgezeit seine heilpädagogischen und therapeutischen Möglichkeiten erprobt. Innerhalb der von Ita Wegman ab Ende  der 1920er Jahre ins Leben gerufenen Fortbildungskurse für Ärzte, Schwestern, Heilpädagogen wird Edmund Pracht mit dem musikalischen Part betraut. Die Kursteilnehmer nehmen seine Anregungen mit hinaus in die Einrichtungen. So verbreitet sich mit der rasch wachsenden Heilpädagogischen Bewegung auch das Leierspiel, zunächst im europäischen Raum. Es entsteht ein zunehmender Bedarf an Instrumenten. Gärtner, der inzwischen mit Pracht zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet hat, macht den Leierbau zu seiner Lebensaufgabe.

Die weitere Entwicklung der Leier bleibt für einige Jahrzehnte eng mit der anthroposophischen Heilpädagogik verbunden, stark impulsiert durch Edmund Pracht, der immer wieder in die verschiedenen heilpädagogischen Institutionen, bis hin nach Schweden und Schottland, eingeladen wird, um mit den Menschen vor Ort musikalisch zu arbeiten. Daneben werden vor allem auch die Kompositionen von Alois Künstler (1905 – 1991) prägend für einen neuen, mit der Leier verbundenen Musikstil.

Nach vielen Jahren einer eher stillen, außerhalb der heilpädagogischen Einrichtungen kaum wahrgenommenen Arbeit, beginnt mit der Begründung des Kreises der Lehrenden Leierspieler - durch Julius Knierim, Edmund Pracht und andere - 1961 eine deutliche Erweiterung der Aktivitäten. Die Leier hält Einzug in einzelne Waldorfschulen, öffentliche Tagungen werden veranstaltet. Maria Schüppel (1923 – 2011), Mitglied im Kreis der lehrenden Leierspieler und eine Meisterin des Instruments, begründet 1963 in Berlin die weltweit erste musiktherapeutische Ausbildung auf anthroposophischer Grundlage: die „Musiktherapeutische Arbeitsstätte“.  Hier erhält die Leier einen prominenten Platz im Reigen der Therapieinstrumente. 1971 wird die Freie Musik Schule gegründet, als so genanntes Wanderstudium: die Studenten reisen, ähnlich wie einst die Handwerksgesellen, durch halb Europa zu den verschiedenen Studienorten. Diese Ausbildung schreibt sich den Dreiklang Kunst – Pädagogik – Therapie auf die Fahnen  und rückt die Leier ganz ins Zentrum des Studiums. „Motor“ der Schule ist Julius Knierim (1919 – 1999). Von ihm gehen entscheidende Anstösse für die Weiterentwicklung des Leierspiels und für die differenzierte Ausgestaltung der musikalischen Arbeit in Pädagogik und Heilpädagogik aus. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es entscheidend mit zu verdanken, dass das Leierspiel in den 1970er und 80er Jahren zu einer starken, auch weltweiten Ausbreitung kommt.